Mittwoch, 27. Januar 2016

Der Hochaltar von St.Maria Rosenkranz


Der herzliche Dank für die Mitarbeit am nachfolgenden Beitrag geht nach Österreich! Für die fotografische Unterstützung geht der Dank an LUX IN ARCANA.


Hochaltar, St. Maria Rosenkranz

 Hier einige Überlegungen zum Hochaltar der Kirche:

„Hic domus Dei est et porta caeli – Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels“ (Gen 28,17): Die wunderschöne Kirche St. Maria Rosenkranz ist besonders dafür geeignet, daß in ihr das heilige Meßopfer in seiner klassischen lateinischen Form dargebracht wird. Und zwar deshalb, weil es am Hochaltar der Kirche zelebriert wird. Wenn wir ein wenig die drei Altäre betrachten, die zur ursprünglichen Ausstattung der Kirche gehören, merken wir sofort, wie Maria, die Königin des heiligen Rosenkranzes, uns dabei helfen kann, einen neuen, lebendigeren, innigeren Bezug zur Eucharistie zu gewinnen: Durch Maria zu Jesus – Maria als Mittlerin aller Gnaden, die unter dem Kreuz steht.

Die drei Altäre sind den Rosenkranzgeheimnissen gewidmet, wobei der Hochaltar, die vorzügliche Opferstätte, an der sich die Theophanie, das Gegenwärtigwerden unseres Gottes vollzieht, derjenige Altar ist, dem die schmerzhaften Geheimnisse geweiht sind. 


Die Kirche, deren Turm wie ein Zeigefinger gen Himmel weist, hat auch im Inneren eine vertikale Achse: Wir sehen das Kreuz, an dem Jesus, der ewige König und Hohepriester, sich Gott darbringt. Darunter steht Maria, die unter dem Kreuz ausharrt, mitleidet, weint.
Hochaltarretabel, St. Maria Rosenkranz
Wir sehen Johannes, den heiligen Apostel und Evangelisten, der dem Herzen Jesu am nächsten war, den keuschen Lieblingsjünger des Herrn, der für alle ein Vorbild ist, die Gott schauen wollen (vgl. Mt 5,8). Unter dem Kreuz befindet sich der Tabernakel, der Aufbewahrungsort der heiligsten Eucharistie, wo Jesus immer wahrhaft gegenwärtig ist.
Tabernakel, Hochaltar St. Maria Rosenkranz
Die Tabernakeltüren sind mit der Szene der Verkündigung an Maria versehen – dies ist wiederum das erste Mysterium des Rosenkranzes: Maria ist die ganz Reine, die Auserwählte, die Jungfrau, der verschlossene Garten, die Arche des Neuen Bundes – sie ist selber der Tabernakel für den Allerhöchsten, den sie gebären sollte.
Tabernakel, Hochaltar St. Maria Rosenkranz
Auf dem Altar, in der Achse unter dem Kreuz, konsekriert der Priester in der heiligen Messe die Opfergaben, erhebt er die heilige Hostie und das heilige Blut.


Nun noch zu den Elementen des Altares, die die eucharistische Mittelachse sozusagen umspielen:
Es handelt sich bei dem Altar (wie auch bei den anderen Altären) um einen Klappaltar in spätmittelalterlicher Tradition.

Hochaltar, St. Maria Rosenkranz

Hochaltar, St. Maria Rosenkranz
Wenn man – in der Advents- und Fastenzeit – den Altar schließt, werden die vier schmerzhaften Mysterien, die auf die Kreuzigung hindeuten, unsichtbar. Das ist insofern interessant, als gerade die Fastenzeit besonders dazu geeignet ist, über die schmerzhaften Geheimnisse zu meditieren. Dieser Brauch korrespondiert aber mit der Gewohnheit, in der Passionszeit die Kreuze zu verhüllen: „Fulget crucis mysterium.“ Indem die Kirche den Gläubigen den unmittelbaren Blick auf das Kreuz gewissermaßen in einer Zeit entzieht, in der die Christen ganz besonders unter dem Kreuz verharren sollen, möchte sie uns dazu anhalten, uns zu verinnerlichen, den Gekreuzigten mehr in unser Inneres hineinzulassen. Auf dieses Geheimnis der Verschleierung und der Entschleierung wird vielleicht auch in unserem Kirchengebäude angespielt, wenn gerade zu den ernsten Zeiten, in denen der Priester violette Gewänder trägt, die schmerzhaften Geheimnisse unserem Blick entzogen werden, damit wir ihnen umso mehr in unseren Herzen Raum geben.

Hochaltar mit geschlossenen Seitenflügel
Stattdessen werden uns im geschlossenen Zustand auf den Seitenflügeln zweimal zwei Heilige vor Augen gestellt, die in engster Beziehung zum allerheiligsten Sakrament des Altares und zum Kreuzesopfer stehen (Beckers, 300): Auf der jeweils äußeren Positionen der geschlossenen Seitenflügel sieht man zwei Heilige des Alten Bundes, Melchisedech und Malachias.

 links Melchisedech und rechts Heiliger Paulus
Seitenflügel Evangelienseite - links


Auf der Evangelienseite links außen ist Melchisedech der Hohepriester von Salem, der Brot und Wein dargebracht hat (Gen 14,18) – eine Vorausdeutung auf das eucharistische Geschehen im Jerusalemer Abendmahlssaal und auf Golgotha. König David hat es mit dem Vers unsterblich gemacht: „Juravit Dominus et non paenitebit eum: Tu es sacerdos in aeternum secundum ordinem Melchisedech“ – „Der Herr hatʼs geschworen, nie wird es ihn reuen: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung der Melchisedech“ (Ps 110,4). Dieser Psalmvers wird auch als Beleg für die Auffassung der Kirche genommen, daß das Weihesakrament, das Jesus am Gründonnerstag im Abendmahlssaal eingesetzt hat, dem Weihekandidaten eine unvergleichliche und unveränderliche, in alle Ewigkeit geltende Gleichschaltung mit Jesus Christus, dem ewigen Hohepriester, verleiht.
Der Hohepriester Melchisedech hat auch zusammen mit Abel und Abraham Eingang in den Römischen Meßkanon gefunden. Sie sind alttestamentliche Vorbilder für das Opfer Christi am Kreuz, das in der heiligen Messe unblutig gegenwärtiggesetzt wird: „Supra quae propitio ac sereno vultu respicere digneris: et accepta habere, sicuti accepta habere dignatus es munera pueri tui justi Abel, et sacrificium Patriarchae nostrae Abrahae: et quod tibi obtulit summus sacerdos tuus Melchisedech, sanctum sacrificium, immaculatam hostiam.“ – „Schaue huldvoll darauf (auf die Opfergaben) nieder mit gnädigem und mildem Angesichte, und nimm es wohlgefällig an, wie Du einst mit Wohlgefallen aufgenommen hast die Gaben Abels, deines gerechten Dieners, das Opfer unseres Patriarchen Abraham, das heilige Opfer und die makellose Gabe, die Dein Hoherpriester Melchisedech Dir dargebracht hat.“
Gegenüber auf der Epistelseite ist rechts außen der Prophet Malachias abgebildet, dessen alttestamentliche Prophezeiung des heiligen Meßopfers, das in zahllosen Kirchen überall auf der Welt gefeiert wird (Mal 1,11): „Bis ans Ende der Zeiten versammelst Du Dir ein Volk, damit Deinem Namen das reine Opfer dargebracht wird vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang.“

 links Heiliger Thomas von Aquin und rechts Malachias
Seitenflügel Epistelseite - rechts

Auf der Evangelienseite links sieht man innen den heiligen Paulus, der in seinem Brief an die Hebräer die Lehre von Christus dem Hohenpriester lichtvoll darlegt – er bezieht sich übrigens auch in seiner Argumentation wiederholt auf Melchisedech.
Schließlich wird uns der heilige Thomas von Aquin vorgestellt, der im Hochmittelalter die eucharistische Frömmigkeit bereichert hat, namentlich durch den Hymnus „Adoro te devote“ und das Meßformular zu Fronleichnam samt der Sequenz „Lauda Sion“.
Auf der Predella neben dem Tabernakel finden sich wiederum alttestamentliche Darstellungen, die auf die Eucharistie verweisen (vgl. Beckers, 300).
Auf der Evangelienseite finden wir links das Opfer des Elias, das dem Herrn wohlgefallen und eine lange Dürreperiode beendet hat (1 Kön 18,30-46). Daneben befindet sich eine Szene, die ich nicht genau identifizieren kann. Da links ein bärtiger Mann (Hinweis auf das Alte Testament) dargestellt ist, der seine Hand ins Wasser taucht, könnte es sich um die Heilung des Naaman handeln, eines Syrers, also Nichtjuden, dessen Vertrauen auf den Gott Israels ihn vom Aussatz geheilt hat (2 Kön 5). Unser Herr Jesus Christus nimmt in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth Bezug auf ihn – um zu zeigen, daß der Heilswillen Gottes universell ist, über die Völkergrenzen hinausgeht. Diese „Katholizität“ hat großen Verdruß bei den Landsleuten Jesu hervorgerufen (Lk 4,27).

Predella, Evangelienseite - links
Auf der Epistelseite befinden sich zwei weitere bemerkenswerte Darstellungen: Links die Blendung des Samson. Samson, dessen Geschichte im 13. bis 16. Kapitel des Buches der Richter dargelegt wird, ist eine sehr schillernde, dem Wein und dem Weib durchaus nicht abgeneigte Figur: seine Geburt wurde wunderbar angekündigt (wie die Geburt unseres Erlösers), er war ein Heros, der die Weizenfelder seiner Gegner mit Fuchsschwänzen anzündete und mit Eselskinnbacken tausend Philister erschlug, leider aber den falschen, nämlich heidnischen, Frauen nachlief, was ihm zum Verhängnis wurde: Die Philisterfrau Delilah beraubte ihn seiner Kraft, die Philister nahmen ihn gefangen und blendeten ihn; er wiederum zerstörte den heidnischen Tempel des Dagon und nahm viele Philister mit in den Tod – ein erweiterter Selbstmord, wie man heute sagen würde. Dennoch haben die Kirchenväter auch ihn als Vorläufer Christi gesehen, des Helden, der die Pforten der Hölle gesprengt hat, der zu den Heiden gegangen ist, um sie vom Götzendienst zu befreien und ihnen das wahre Opfer zu bringen. Auch hier also wieder ein Hinweis auf die Universalität, die Katholizität des eucharistischen Opfers.
Die Opferung Isaaks (Gen 22,1-19) ist die Probe, auf die Gott den Abraham stellt, der seinen Sohn nicht verschonen soll. Nach den Kirchenvätern ist diese Stelle ein Hinweis auf die Ganzhingabe des göttlichen Sohnes an den Vater im Opfer des Kreuzes, an dem Jesus sich aus Liebe zum Vater und zu den Menschen hingegeben hat. Und natürlich spielt die Stelle auf Gott den allmächtigen Vater  an, der „seinen eigenen Sohn nicht geschont“ hat (Röm 8,32). Der heilige Thomas von Aquin drückt dies in seiner Fronleichnamssequenz folgendermaßen aus: „In fuguris praesignatur, / Cum Isaac immolatur.“ – „Längst im Bild warʼs vorbereitet: / Isaak, der zum Opfer schreitet.“

Predella, Epistelseite - rechts
Das wichtigste Ausstattungsstück, der Hochaltar mit den schmerzhaften Mysterien, ist immer noch nicht ausgeschöpft. Unter der Predella mit den Darstellungen alttestamentlicher Heiliger findet sich nämlich der Vers: „Ecce panis angelorum, / Factus cibus viatorum.“ – „Sieh das Brot, der Engel Gabe, / Wird den Pilgern hier zur Labe.“

„Ecce panis angelorum, / Factus cibus viatorum.“
Dieser Vers stammt aus der bereits erwähnten Fronleichnamssequenz des heiligen Thomas von Aquin (gestorben 1274). Dieser Schriftzug bestätigt uns den engen Zusammenhang zwischen der Eucharistie und dem Opfer am Kreuz. Gleichzeitig ist es eine Mahnung an den Priester und auch an die Gläubigen, mit reinem Herzen zu den heiligsten Geheimnissen hinzuzutreten.

Stipes Hochaltar, St. Maria Rosenkranz
 Das apokalyptische Lamm auf dem Stipes wird von sechs musivischen Heiligenfiguren flankiert.

Stipes Hochaltar, St. Maria Rosenkranz

Auf der Evangelienseite - links - sind Hieronymus (in der roten Kardinalstracht), Ambrosius (mit dem Bienenkorb) und ein weiterer Bischof abgebildet. Die Vermutung liegt nahe, daß es sich um den Täufling des heiligen Ambrosius, um Augustinus handelt, neben den beiden anderen ein großer Kirchenvater der westlichen Kirche.

Heiligenfiguren Evangelienseite, Hochaltar, St. Maria Rosenkranz

Auf der Epistelseite - rechts- unmittelbar neben dem Lamm Gottes befindet sich ein heiliger Mönch mit einer Abtskrümme und einem Kreuz, daneben ist ein Erzbischof (Pallium) abgebildet. Eventuell handelt es sich um den Benediktiner Sandrad und den Kölner Erzbischof Gero, die beiden Gründer der Abtei Gladbach aus dem 10. Jahrhundert. Der Heilige außen ist wieder leicht zu identifizieren, es ist der heilige Papst Gregor der Große, der letzte der vier Großen Kirchenväter, mit seinem Attribut, der Taube des Heiligen Geistes.

Heiligenfiguren Epistelseite, Hochaltar, St. Maria Rosenkranz
In jedem Falle verdeutlichen uns die heiligen Würdenträger aus dem ersten Jahrtausend die Kraft des eucharistischen Glaubens, der mitnichten eine Erfindung des Hochmittelalters ist, sondern im 13. Jahrhundert nur fest definiert wurde, aber schon von den früheren Heiligen hochgehalten worden war.

Hochaltar, St. Maria Rosenkranz

(Vgl. Dissertation von Hans Georg Beckers: Karl Joseph Lelatte. Ein Pfarrer in einer Zeit des politischen und sozialen Umbruchs. Gottesdienst in Gladbach von 1864 bis 1892, Mönchengladbach 1995.)


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